2016_March-of-Roses

Zum March of Roses. Gegen Gewalt in der Geburtshilfe. 

„Ich fühlte mich, als schwebte ich im Universum, während es gleichzeitig als Ganzes versuchte aus mir heraus zu explodieren.“

So drücke ich es meistens aus, wenn man mich fragt, wie sich die Geburt meines Sohnes angefühlt hat. Es war eine schöne Geburt. Intim, kraftvoll, in vertrauter Umgebung, mit vertrauter Hebamme und meinem Partner.

„Ich glaube, ich perforiere.“

Natürlich hatte ich Schmerzen, große sogar! Aber ich hatte Raum und Erlaubnis diese auszudrücken und mit allem, was ich dazu brauchte, erträglicher zu machen.
Ich durfte laut sein und mich frei bewegen. Ich durfte es geschehen lassen. Es gab niemanden, der mich dabei unterbrach und niemanden, der überprüfte, ob man meiner Intuition auch wirklich trauen dürfe. Und dann war Jakob da.

„Diese Geburt war elementar und urgewaltig.“

Mit großen Augen schaute er mich von unter der Wasseroberfläche an. Das warme Wasser des Geburtspools war mein Schmerzmittel und SEIN Ruhe-Vakuum zwischen der alten und der neuen Welt.

Hausgeburt

„Oh Gott, bist du hübsch!“

Das soll ich gesagt haben, als meine Hebamme meinen Sohn aus dem Wasser hob und mir an die Brust legte. Er schrie kurz und kam schließlich mit wachem Bewusstsein in dieser Welt an. Über eine Stunde lagen wir noch im Wasser. Der kleine Mensch in meinen Armen ließ sich von mir durchs warme Nass treiben, streckte seine Gliedmaßen und genoss. Ich genoss auch. Dann kam unsere Plazenta und es war Zeit den Geburts-Traum zu verlassen. Die Zeit nach der Geburt verbrachten wir zu dritt – direkt neben dem Pool – auf unserem Schlafsofa in unseren eigenen Vier-Wänden.

„Nachdem ich erlebt habe, was mein Körper kann, bin ich nicht mehr kleinzukriegen! Es war ein heilsamer Moment für mein Selbstbewusstsein.“

Diese Grenzerfahrung hat viel mit mir gemacht. Es hat helle wie dunkle Seiten an die Oberfläche gebracht, mit denen ich und mein Partner erst lernen mussten umzugehen. Doch eine Sache merkte ich schnell: die Komplexe, die ich mir um meinen Körper erdacht hatte, wichen einem selbstbewussten Frausein. Es gab Momente in denen ich hätte nackt und stolz vor die Tür treten können, mit Baby unterm Arm und der ganzen Welt zujubelnd: „Seht mich an! Dieser Bauch, dieser [Achtung! Stilbruch] Arsch, diese Titten [puh, vorbei] haben dieses Wunder vollbracht! Ich liebe mich und ich liebe euch! BÄM!“

„Wenn ich das schaffe, kann ich alles schaffen!“

Das wäre jetzt der perfekte letzte Satz, um diesen Beitrag beschwingt und positiv zu beenden, gäbe es außerhalb dessen nicht so viele Geschichten rund um die Geburt, die ohne zu übertreiben zutiefst tragisch sind. Dass ich auf so stärkende Weise von dieser Geburt profitieren würde, konnte ich damals, als ich mich für meinen Geburtsort entschieden habe, nicht ahnen. Umso sicherer war ich mir aber – sollte es mir so ergehen, wie in den Berichten über Geburten in z.B. personell unterbesetzten Kliniken – würde ich das psychisch nicht verkraften.

„Wäre ich unter der Geburt so behandelt worden, wäre ich daran zerbrochen.“

Es gibt einen Tag im Jahr, an dem Frauen eine Rose vor die Kreissaaltür legen, hinter der sie entbunden wurden. Diese rosa Rose steht für die Gewalt, die sie, ihr Kind und/oder ihr Partner unter der Geburt erfahren haben.
Richtig. Gewalt. Unter der Geburt. Psychische wie physische. Meist dem überforderten Personal geschuldet – das sich aufgrund von Personalmangel zwischen 3 oder mehr Gebärenden zerreißen muss – sowie dem Kostendruck, den hausinternen Routinen u.v.m. An diesem Tag, dem 25. November, kann man auf der Facebookseite der Roses Revolution die Berichte von Frauen lesen, die unter der Geburt mit Geringschätzung, Drohung, Einschüchterung oder gar Beleidigung konfrontiert wurden. Die gezwungen wurden, entgegen ihrem Wohlbefinden, stundenlang auf dem Rücken zu liegen, damit das CTG ungestört rattern kann. Frauen, die über große Zeiträume allein gelassen wurden. Über Komplikationen, die genau deswegen nicht rechtzeitig erkannt wurden. Und fast immer ist zu lesen von groben, schmerzhaften Untersuchungen sowie Eingriffen, die sich im Nachhinein oft als völlig unnötig erwiesen… oder von Eingriffen, die die körperliche und seelische Integrität der Frauen massiv verletzten. (Nur nochmal zur Erinnerung: Ich schreibe nicht über ein Entwicklungsland… Ich schreibe über Deutschland)

„Nur 3 bis 4% der klinischen Geburten finden frei von Interventionen statt.“

Gott sei Dank fangen die Mauern um dieses Tabuthema rasant an zu bröckeln. Immer mehr Frauen wird klar, dass sie das was sie erlebt haben, nicht deshalb erlebten, weil traumatische Geburten irgendwie naturgegeben seien… nicht, weil es nicht anders ginge… nicht, weil sie zu wehleidig wären. Sondern weil in der Geburtsmedizin und der klinischen Geburtshilfe über Jahre und Jahrzehnte ein ungesunder Kontrollwahn Einzug gehalten hat, unter dessen Wahrnehmung das Wissen über die Gebärfähigkeit von Mutter und Kind als Team nahezu vollständig verloren gegangen ist. Der Glaube, die Mutter von ihrem Kind entbinden zu müssen, weil sie nicht ausreichend in der Lage sei es aus eigenen Kräften zu gebären, wurde – scheinbar unhinterfragt – zum Standard. Die finanziellen „Anreize“ für Notkaiserschnitte, Eingriffe sämtlicher Art oder der Unterbringung von Frühchen setzen dem Ganzen Irrsinn schlussendlich die Krone auf. Eine natürliche, interventionsfreie Geburt mit gesunder Mutter und einem reifen, gesunden Kind bringt einer Geburtsklinik keinen müden Cent. Doch über dieses Kapitel – über Haftpflichtprämien und Fallpauschalen – können Andere sehr viel fundierter schreiben als ich.

2016 March of Roses

Morgen, am Sonntag den 6. März, schließt sich ein Bündnis aus Eltern, Hebammen und Geburtshelfern in verschiedenen Städten dem international stattfindenden „March of Roses“ an, dem „Marsch“ gegen Geringschätzung und Gewalt während der Geburt.

Anne Jandt von Geburt e. V. fordert: „In einem der reichsten Länder der Erde, mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt, sollte es möglich sein, dass das Ziel einer Geburt mehr ist als ein lebendes Kind und eine lebende Mutter. Eine gute Geburt sollte ein stärkendes Erlebnis sein, aus dem Mutter und Kind an Leib und Seele möglichst unverletzt hervorgehen. Das muss unser Ziel sein!“

„Ich funktioniere perfekt und wer versucht mich vom Gegenteil zu überzeugen, darf gerne aus meiner Matrix verschwinden.“

Fast schäme ich mich dafür, dass ich zu denen gehöre, die eine nachhaltig stärkende Geburtserfahrung machen durften. Andererseits hat sich erst dadurch mein Bewusstsein für die Bedeutung von Geburt für mich als Frau, für mein Kind, für uns als Familie und für uns als Gesellschaft bilden können. Auch wenn ich beim Protestmarsch der Rosen nicht persönlich anwesend sein kann, um meine „Schwestern“ Live zu unterstützen, so versuche ich es hiermit zumindest mental. Mich durchfährt ein euphorisches Kribbeln, bei der Vorstellung, wie machtvoll wir jenseits von Traumata, Babyblues und Wochenbettdepression (um die ich selbst trotz allem nicht herum gekommen bin) sein könnten. Wie machtvoll unsere Kinder wären, mit dem eigenen positiven, gesunden Geburtserlebnis und mit lebensbejahenden, seelisch gesunden Eltern voller Selbstvertrauen. Vieles von dem, was heute so „normal“ ist und „nun mal sein muss“, würden wir wahrscheinlich nicht mehr einfach so mit uns machen lassen.

Die ersten Schritte sind getan, die öffentliche Aufmerksamkeit ist geweckt. Meine Aufgabe als Autorin und Illustratorin ist es Bilder zu kreieren. Mit meinem Geburtserlebnis habe ich nun eine dankbare Ressource in mir, mit der ich – hoffentlich – dazu beitragen kann neue, gesündere und zeitgemäßere Bilder zu diesem und anderen Themen zu erschaffen. „Denn…“ [wie Frau Dr. Katharina Hartmann, Vorstand der Bundeselterninitiative Mother Hood e. V. und Koordinatorin des March of Roses in Deutschland, so schön sagt:]

„… Veränderung beginnt mit der Wahrnehmung des Problems.“

Damit beende ich diesen Text, der nicht der Letzte zu diesem Thema sein wird. Es gibt noch Vieles dazu zu sagen und vor allem zu „illustrieren“. Geburt ist weder so dramatisch, wie sie uns in Kinofilmen präsentiert wird, noch ist sie so milchglas-verklärt, wie uns die hochglanz-Klinikbroschüre weiß machen möchte. Sie ist nichts, was man so einfach locker aus der Hüfte schießen kann, aber auch nichts, was so unfassbar gefährlich und unmachbar sein soll, wie alle Welt es erzählt. (oder besser „nachplappert“) Geburt ist wichtig. Verdammt wichtig! Denn Sie verändert das Leben aller Menschen, die darin involviert sind. Ein Kind wird geboren, Eltern werden geboren. Und alle haben sie es verdammt nochmal verdient, dass der Tag, an dem ihr neues Leben beginnt, der Allerschönste in ihrem Leben ist!


 

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